Sulden: Seilschaftstraining zwischen Grat, Gletscher und Ortler

Die ORTLERGRUPPE

Gibt es einen schöneren
Ort um zu lernen?

4 Tage Hochgebirge, alpine Ausbildung und ein großer Klassiker

Zwei motivierte Gäste, ein gemeinsames Ziel: raus aus dem „mitgehen“ und hinein in eigenständiges alpines Bergsteigen.

Die beiden wollten ihre Fähigkeiten als Seilschaft weiterentwickeln und sich gezielt auf selbstständige Hochtouren vorbereiten. Dabei ging es nicht nur um Kondition oder Klettertechnik. Besonders die klassischen Gratanstiege standen im Mittelpunkt – also genau jenes Gelände, in dem sich die Anforderungen laufend verändern und auch die passende Sicherungstechnik immer wieder neu gewählt werden muss.

Für dieses Vorhaben ist Sulden ein großartiger Spielplatz.

 

Mit der Düsseldorfer Hütte als gemütlichem Ausgangspunkt und dem Nordwestgrat der Vertainspitze als Trainingstour hatten wir für die ersten beiden Tage genau das richtige Gelände. Anschließend sollte es hoch hinausgehen: Der Ortler über den Hintergrat war für die Tage drei und vier geplant.

Was folgte, war eine abwechslungsreiche Tour mit Sonne, Regen, Nebel, Gletscher, Fels – und jeder Menge Lernmomenten.

 

Tag 1 – Gemütlich hinein ins Hochgebirge

Der erste Tag war bewusst entspannt gehalten.

Nach der Anreise nach Sulden ging es gemütlich hinauf zur Düsseldorfer Hütte. Kein großer Gipfel sollte heute mehr her – vielmehr wollten wir ankommen, das Material sortieren und uns auf die nächsten Tage einstellen.

Die Hütte bot dafür den perfekten Rahmen. Während draußen bereits die ersten Wolken über den Bergen hingen, war im Kopf die Vorfreude auf den nächsten Tag groß. Der Plan war klar: Vertainspitze, Nordwestgrat, abwechslungsreiche Kletterei und vor allem viel Zeit, um als Seilschaft zu arbeiten.

Denn genau darum sollte es in diesen vier Tagen gehen.

Nicht möglichst schnell einen Gipfel abzuhaken, sondern unterwegs immer wieder die Frage zu stellen:

Was ist jetzt die sinnvollste und sicherste Art, dieses Gelände als Seilschaft zu bewältigen?

 

Tag 2 – Vertainspitze: Lernen am perfekten Grat

Der zweite Tag begann mit besten Bedingungen.

Die Sonne stand über den Bergen und immer wieder öffnete sich der Blick auf die großen Gipfel der Ortlergruppe. Ortler, Zebrú und Königspitze begleiteten uns praktisch den ganzen Tag. Und gleichzeitig wartete mit dem Nordwestgrat der Vertainspitze eine Tour, die sich für unser Vorhaben kaum besser hätte eignen können.
Die Kletterei reicht bis in den III.–IV. Schwierigkeitsgrad, dazwischen wechseln sich leichtere, aber teilweise ausgesetzte Passagen mit anspruchsvolleren Kletterstellen ab.
Genau dieser ständige Wechsel macht die Tour so interessant. Denn plötzlich ist nicht mehr nur die Frage entscheidend, ob man die nächste Passage klettern kann. Entscheidend ist auch:

Wie sichern wir hier?

Wie viel Seil brauchen wir?

Wann wird das Seil verkürzt?

Wo können wir natürliche Sicherungspunkte verwenden?

Wann kommen mobile Sicherungsmittel zum Einsatz?

Alpine Sicherungstechnik – direkt im Gelände

Und genau hier konnten die beiden richtig arbeiten.

Wir übten und verwendeten im Laufe des Tages unter anderem gestaffeltes Klettern, Seiltransport und das Verkürzen des Seils. Natürliche Sicherungsmöglichkeiten wurden ebenso genutzt wie mobile Sicherungsmittel.

Der große Vorteil: Alles passierte nicht irgendwo auf einem Übungsplatz, sondern dort, wo diese Techniken später auch gebraucht werden. Das Gelände war dafür ideal. Eine Kletterstelle wird überwunden, danach folgt ein leichterer Gratabschnitt. Das Seilmanagement verändert sich. Die Sicherung wird angepasst. Wenige Minuten später wartet wieder eine anspruchsvollere Passage. So wird aus einzelnen Techniken langsam ein Gesamtsystem.

Und genau das ist unser Ziel bei solchen Seilschaftstrainings: Nicht nur wissen, welche Technik es gibt – sondern lernen, wann welche Technik sinnvoll ist.

Die Vertainspitze – Ausbildung mit Aussicht

Natürlich kam dabei auch der Genuss nicht zu kurz. Bei perfektem Wetter bot sich uns ein beeindruckendes Gipfelpanorama. Ortler, Zebrú und Königspitze standen mächtig über den umliegenden Gletschern.

Was für ein Tag in den Bergen!

Nach dem Gipfel folgte allerdings noch ein langer Abstieg durch ein zunehmend einsames Tal. Die Beine waren mittlerweile müde, die Köpfe voll mit neuen Eindrücken. Am Abend ließen wir den Tag gemütlich ausklingen. Bei einem gemeinsamen Essen wurde noch einmal besprochen, was gut funktioniert hatte, wo Entscheidungen schnell getroffen wurden und an welchen Stellen wir noch Verbesserungspotenzial sahen.

Diese Reflexion gehört für uns genauso zu einer guten Ausbildung wie das praktische Klettern. Denn gerade im Nachhinein wird oft klar, warum eine bestimmte Entscheidung gut war – oder wo man beim nächsten Mal noch effizienter arbeiten kann. Und während wir den zweiten Tag Revue passieren ließen, war eines bereits klar:

Die beiden machen das richtig gut.

 

Tag 3 – Regen, Wetterfenster und Kaiserschmarrn

Der dritte Tag begann deutlich weniger sommerlich.

Regen.

Nicht gerade das Wetter, das man sich für den Aufstieg zur Hintergrathütte wünscht. Aber im Hochgebirge ist das Wetter selten nur „gut“ oder „schlecht“. Viel wichtiger ist die Frage, wann und wo sich ein Wetterfenster auftut. Wir beobachteten die Entwicklung und tatsächlich: Ein passendes Fenster zeichnete sich ab.

Also Rucksack auf und los.

Der Aufstieg zur Hintergrathütte führte uns durch eine zunehmend mystische Berglandschaft. Nebel zog über die Flanken, die Sicht wechselte ständig und die Stimmung war völlig anders als am Vortag. Auch das gehört zum Bergsteigen dazu. Oben angekommen, wurden wir dafür umso herzlicher empfangen.

Eine gemütliche Hütte, nette Atmosphäre und ein Kaiserschmarrn, der definitiv in Erinnerung bleiben wird.

Fast schon in der Pfanne frittiert – außen unglaublich crunchy und innen genau richtig.

Dazu übte dann auch noch das Personal Ziehharmonika. Draußen prasselte währenddessen wieder der Regen auf das Dach.

Ein ziemlich perfekter Tag um die Annehmlichkeiten einer Schutzhütte so richtig zu genießen. Blick auf die Uhr erinnerte daran, dass am nächsten Morgen der Wecker sehr früh klingeln würde.

Sehr früh.

 

Tag 4 – 03:45 Uhr: Ortler über den Hintergrat

03:45 Uhr.

Draußen war es noch tiefschwarz. Die Stirnlampen gingen an und langsam setzte sich die kleine Seilschaft in Bewegung.

Noch lange vor Sonnenaufgang waren wir unterwegs. Und die Nacht zeigte eindrucksvoll, wie dynamisch das Hochgebirge sein kann. Aus Richtung Zebrú und Königspitze waren immer wieder dumpfe Geräusche zu hören. Seracs brachen in der Dunkelheit ab und donnerten durch die Flanken. Der außergewöhnlich warme Sommer hatte seine Spuren hinterlassen.

Für uns war dabei wichtig: Wir befanden uns auf einer sorgfältig gewählten Route am Ortler, auf der diese konkrete Gefahr nicht in derselben Weise gegeben war. Genau solche Überlegungen gehören zur modernen Hochtourenplanung dazu.

Im Hochgebirge gilt heute mehr denn je:

Die Route von gestern ist nicht automatisch die Route von heute.

FACTBOX

Klimawandel am Berg

Die Saison verschiebt sich: Schnee und Eis apern im Hochsommer schneller aus – viele Touren werden daher früher im Jahr geplant.

Permafrost taut auf: Das kann die Stabilität von Felsflanken verändern und Steinschlag sowie Felsstürze begünstigen.

Gletscher ziehen sich zurück: Zustiege, Übergänge und Abstiege verändern sich. Ehemalige Eis- oder Schneepassagen können heute felsig sein.

Routen müssen angepasst werden: Aktuelle Verhältnisse und flexible Tourenplanung werden immer wichtiger.


Gute Verhältnisse und eine starke Seilschaft

Nach der langen Nacht ging es weiter Richtung Gipfel.

Und die Bedingungen waren überraschend gut.

Wir waren früh unterwegs und konnten dadurch von den guten Verhältnissen profitieren. Der Aufstieg war stellenweise so gut, dass keine Steigeisen notwendig waren – ein großer Vorteil, denn ohne zusätzliche Ausrüstung an den Füßen kamen wir flott und sicher voran.

Immer wieder wechselte die Stimmung zwischen Nebel und Sonne.

Dann plötzlich wieder freie Sicht.

Der Berg zeigte sich von seiner besten Seite.

Und unsere beiden Gäste?

Sie machten das richtig stark.

Gutes Tempo, saubere Bewegungen, konzentriertes Arbeiten als Seilschaft und zunehmend selbstständige Entscheidungen. Genau die Entwicklung, die wir uns für diese vier Tage gewünscht hatten.

Ortler – der große Gipfel


Mit zunehmender Höhe wurde die Umgebung immer alpiner.

Der Hintergrat verlangt Konzentration. Fels, Firn und ausgesetzte Passagen wechseln sich ab. Gleichzeitig darf man bei aller Freude am Klettern nie vergessen, dass man sich auf knapp 4.000 Metern bewegt.

Dann war es geschafft.

Ortler – 3.905 m.

Der höchste Berg Südtirols.

Ein Gipfel, der sich nicht einfach nur über seine Höhe definiert. Der Hintergrat bietet eine abwechslungsreiche, klassische alpine Linie und verbindet Gletscher, Firn und Fels zu einer echten Hochtour.

Oben angekommen, war die Freude entsprechend groß.

Aber wie so oft bei einer Hochtour ist der Gipfel eben nur die Hälfte des Tages.

Ein langer und nochmals anspruchsvoller Abstieg

Der Abstieg hatte es noch einmal in sich.

Auch hier machte sich der Gletscherrückgang bemerkbar. Die Route musste an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Bereiche, die früher anders begangen wurden, sind heute nicht mehr in gleicher Form vorhanden.

Der Abstieg wurde deshalb entsprechend der aktuellen Situation in den felsigen Bereich beim Bärenloch verlegt.

Lange Beine, müde Konzentration und ausgesetztes Gelände – genau hier zeigt sich nochmals, wie wichtig sauberes Seilmanagement und eine gute Kommunikation innerhalb der Seilschaft sind.

Doch auch diese Herausforderung wurde souverän gemeistert.

Je weiter wir nach unten kamen, desto besser wurde das Wetter.

Der Nebel löste sich langsam auf, die Sonne kam zurück und mit jedem Höhenmeter wurde aus dem anspruchsvollen Hochtourentag wieder ein entspannter Bergtag.

Vier Tage, zwei Gipfel und eine Menge gelernt

Am Ende bleiben nicht nur die Gipfel.

Es bleiben die vielen kleinen Entscheidungen unterwegs.

Das richtige Seilmanagement.

Der Wechsel zwischen verschiedenen Sicherungstechniken.

Das Erkennen guter Sicherungspunkte.

Das Einschätzen des Geländes.

Das richtige Tempo.

Und vor allem das Vertrauen in die eigene Seilschaft.

Genau dafür sind solche Touren gedacht.

Die Vertainspitze war das perfekte Trainingsgelände, um alpine Techniken praktisch anzuwenden. Der Ortler über den Hintergrat war anschließend die große Bewährungsprobe.

Und unsere beiden Gäste haben gezeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Eine starke Seilschaft, gutes Tempo, viel Motivation und sichtbar mehr Sicherheit in den eigenen Entscheidungen.

So macht Ausbildung Spaß.

Und so entstehen die Fähigkeiten, die man braucht, um irgendwann selbstständig auf klassischen Hochtouren unterwegs zu sein.


Lust auf dein nächstes alpines Abenteuer?

Die Alpen sind groß – und die Liste an möglichen Zielen noch viel größer.

Ob Ortler, Großglockner, Wildspitze, Piz Bernina, Piz Palü oder die großen Klassiker der Westalpen: Wir begleiten dich nicht nur zum Gipfel, sondern wollen dir auch das nötige Wissen und die Erfahrung mitgeben, um im alpinen Gelände immer selbstständiger zu werden.

Wenn du deine Seilschaft weiterentwickeln möchtest, ist ein individuelles Seilschaftscoaching oder eine anspruchsvolle Hochtour eine perfekte Möglichkeit, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Auch bei unseren Hochtourenkursen steht die sichere und selbstständige Fortbewegung im hochalpinen Gelände im Mittelpunkt.

Die nächsten Abenteuer für 2027 sind bereits in Planung.

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Wir sehen uns am Berg!

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