Mont Blanc auf Umwegen
Als mir Hubert seinen Pass für die Hüttenreservierung am Mont Blanc Normalweg geschickt hat, habe ich erst einmal geschaut: Geburtsjahr 1948. Schafft er das in diesem Alter noch? Gleichzeitig ist es mir als Bergführer immer wichtig, unseren Kunden realistische Chancen auf einen Gipfelerfolg zu bieten und ihnen nichts zu verkaufen, das nicht haltbar ist. Sein Mitstreiter Herbert ist auch bereits 68. In mehreren Telefonaten und schließlich bei einem persönlichen Gespräch in unserem Büro in Graz haben wir das ausführlich besprochen. Gran Paradiso im Vorjahr, der Ortler über den Hintergrat – die beiden schienen fit zu sein. Damit stand der Mont Blanc-Woche nichts mehr im Weg.
Hubert bei der Pizza in Verona
Verona, eine Panne und ein improvisierter Plan
Da wir alle aus dem Raum Graz kommen, haben wir uns entschlossen, gemeinsam nach Chamonix zu fahren. Ende Mai ging es also los – und bei einem Pizza-Stopp in Verona auf halber Strecke ist es passiert: Autoprobleme, nichts ging mehr. Wir haben sofort den ÖAMTC angerufen, und zum Glück hatten wir alle einen Schutzbrief. Es dauerte fast drei Stunden, bis wir abgeschleppt wurden. In der Werkstatt wurde dann festgestellt, dass eine Weiterfahrt nicht möglich sein würde.
Als Bergführer ist man nicht selten mit logistischen Problemen konfrontiert. Taxi zum Flughafen, Mietwagen organisiert, weiter nach Chamonix – mit rund sieben bis acht Stunden Verspätung sind wir erst nach Mitternacht angekommen. Das Auto wurde anschließend vom ÖAMTC zurückgeführt.
Téléphérique de l'Aiguille du Midi
Akklimatisation an der Aiguille du Midi
Am nächsten Morgen standen wir bereits vor 9 Uhr bei der Téléphérique de l'Aiguille du Midi, die uns innerhalb weniger Minuten auf über 3.800 Meter ausspuckte. Zwei Tage zur Akklimatisation, eine Nacht auf der Cosmiques-Hütte – das war der Plan.
Obwohl es rund zwei Wochen zuvor über einen Meter Neuschnee gegeben hatte, waren die Wände um die Aiguille du Midi bemerkenswert trocken. Die Hitze der letzten Wochen hatte dem Schnee ordentlich zugesetzt. Gleich nach der Auffahrt gingen wir die Lachenal-Überschreitung an – eine super Eingehtour, die einen guten ersten Eindruck vom Gebiet erlaubt. Im Anschluss kletterten wir den leichten Grat zur Hütte, wo wir die Nacht verbrachten.
Am nächsten Morgen folgte der klassische Cosmiques-Grat zurück zur Bergstation der Aiguille du Midi, eine der schönsten Grattouren im Massiv, bevor wir ins Tal fuhren, um uns für die eigentliche Mont Blanc-Begehung zu erholen.
Zustieg zur Tête Rousse – per Land Rover ins Hochgebirge
Da zu Saisonbeginn Anfang Juni weder die Bahn zur Nid d'Aigle noch der Bellevue-Lift in Betrieb sind, brachte uns ein Land Rover aus den frühen 2000ern auf das Hochplateau von Les Houches. Von dort aus führt ein schöner Wanderweg ins hochalpine Gelände, wo sich der Pfad teilweise unter dem Restschnee verliert. Am frühen Nachmittag erreichten wir die Tête Rousse-Hütte – ein angenehmer Zustieg, der den Körper langsam an die Höhe gewöhnt. Wir ließen den Abend entspannt ausklingen. Am nächsten Tag stand der große Versuch an.
Die Felsrippe zur Goutér Hütte. Unten rechts das Grand Couloir das zügig durchquert werden muss.
Das Grand Couloir, die Goûter-Hütte und stürmischer Wind
Gleich zum Frühstück wartet die Schlüsselstelle der gesamten Mont Blanc-Besteigung über den Normalweg: das Grand Couloir. Diese rund 60 bis 70 Meter breite Querung gilt wegen unvorhersehbaren Steinschlags als die objektiv gefährlichste Stelle der Tour. Unzählige Unfälle haben sich hier ereignet – und obwohl erst Anfang Juni, sah das Couloir bereits aus wie Mitte Juli. Die extreme Hitze der Vorwochen hatte die Verhältnisse weit vorauseilend verschlechtert.
Am kurzen Seil haben wir zu dritt die Querung angegangen. Hubert und Herbert habe ich gebeten, einfach auf die Spur zu schauen – während ich permanent nach oben beobachtet habe. Ehrlich gesagt: eine Stelle, die ich als Bergführer am liebsten vermeide.
Über eine rund 500 Meter hohe Felsrippe geht es dann zur Goûter-Hütte, wo wir eine kurze Pause einlegten und weiter Richtung Gipfel aufstiegen. Die letzten Tage waren sonnig und wolkenlos gewesen – doch an diesem Tag blies der Wind mit 60 bis 80 km/h. Die Dimensionen am Mont Blanc sind andere als in den Ostalpen, und die Höhe ist nicht zu unterschätzen.
Bei widrigen Bedingungen schafften wir es bis zum Vallot-Biwak auf knapp 4.360 Metern. Dort redete ich Hubert noch einmal gut zu und gab ihm einen meiner Riegel. Doch bei rund 4.500 Metern hatte der Wind ihm so zugesetzt, dass ein Weitergehen zu gefährlich geworden wäre. Wenn die Kräfte in Gipfelnähe bei so starkem Wind nachlassen, kann das zur Katastrophe führen. Die Entscheidung zur Umkehr war eindeutig.
Abstieg, Nachtzug und Erinnerungen die bleiben
Klarerweise etwas enttäuscht stiegen wir zur Goûter-Hütte ab. Aber um das kurz einzuordnen: Was Hubert mit 77 Jahren und Herbert mit 68 hier geleistet haben, ist schlicht beeindruckend. 4.500 Meter im Sturm, zwei Hochtouren zur Akklimatisation, eine Autopanne in Verona – und das alles mit einer Energie und Belastbarkeit, die viele Jüngere alt aussehen lässt.
Beim Highpoint hatte Hubert noch gesagt, er wolle das in seinem Alter lieber lassen – auf der Hütte sprach er bereits vom nächsten Versuch. Schlechtes Wetter in den folgenden Tagen verhinderte einen weiteren Anlauf auf diesem Trip.
Nach einer weiteren Nacht auf der Goûter ging es zurück: Felsrippe runter, wieder durch das Couloir, über Schneefelder, zurück zum Land Rover und mit diesem ins Tal. Von Chamonix fuhren wir mit dem Mietwagen zurück nach Verona – und von dort mit dem Nachtzug gemeinsam nach Graz.
Nicht alles lief nach Plan, aber genau das macht eine solche Woche oft unvergesslich. Wir haben unglaublichen Spaß zusammen gehabt und viel gelacht. Ich wünsche mir öfter Gäste, die angesichts so vieler Unwägbarkeiten so entspannt bleiben und den Dingen so positiv begegnen. Wahrscheinlich ist das etwas, das mit dem Alter kommt.
Auf einen Blick: Mont Blanc 4.808 m Normalweg über die Goûter-Hütte
Ausgangspunkt: Les Houches / Nid d'Aigle (zu Saisonbeginn per Land Rover)
Hütten: Tête Rousse (3.187 m) → Goûter-Hütte (3.835 m)
Schwierigkeit: WS+ / ZS, kombiniertes Hochgebirgsgelände
Schlüsselstelle: Grand Couloir – Steinschlaggefahr
Beste Zeit: Ende Mai bis Mitte Juni und ab Mitte September, wenn der erste Schnee gefallen ist
Willst du den Mont Blanc selbst angehen? Wir begleiten dich – mit realistischer Einschätzung, sorgfältiger Vorbereitung und dem Wissen aus zahlreichen Touren im Massiv. Meld dich gern bei uns.
Wichtig: Eine Voranmeldung muss aufgrund der Hüttenreservierungen bis spätestens Ende November des Vorjahrs erfolgen.