Skidurchquerung der Schladminger Tauern: Eine weiße Leinwand für unsere Spur
Einsamkeit, Wildnis und Ruhe in den heimischen Bergen
Die Osterferien sind für mich seit Jahren die Zeit für ein mehrtägiges Skitouren-Abenteuer. Meist führt die Suche nach solchen Unternehmungen weit nach Westen – ins Ötztal, zur Haute Route oder in die Dauphiné. Doch diesmal stellte sich plötzlich eine andere Frage: Muss das große Abenteuer eigentlich immer möglichst weit entfernt sein?
Eine bereits durchgeführte Durchquerung der Wölzer Tauern komplett autark und mit Zelt hatte mir gezeigt, wie viel Potenzial auch unsere heimischen Berge für solche Unternehmungen bieten. Viele Gipfel und Rinnen der heimischen Berge werden durch lange und oft wenig spannende Zustiege geschützt. Hat man diese einmal hinter sich gebracht, eröffnet sich entlang des Hauptkamms eine faszinierende Welt aus steilen Hängen, engen Rinnen, ausgesetzten Scharten und anspruchsvollen Gipfelanstiegen. Warum also nicht einmal eine Durchquerung direkt vor der eigenen Haustür versuchen?
Die Idee war geboren. Nun begann die eigentliche Herausforderung: aus der Idee eine funktionierende Route zu machen.
Gerade bei einer Skidurchquerung reicht es nicht, Gipfel und schöne Abfahrten auf der Karte miteinander zu verbinden. Wetter, Schneeverhältnisse, Lawinensituation, Exposition, Länge der Tagesetappen und mögliche Rückzugswege müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Übernachtungsmöglichkeiten. Und genau hier wurde es in den Schladminger Tauern interessant: Zu Ostern sind viele Hütten noch geschlossen und auch Winterräume gibt es nur wenige. Wer ohne Zelt unterwegs sein möchte, muss die Route deshalb ein Stück weit um die vorhandenen Schlafplätze herum planen.
Das schränkte die Möglichkeiten zwar ein, machte die Sache aber gleichzeitig reizvoll. Die Schladminger Tauern zeichnen sich durch ihr starkes Relief aus. Hohe Gipfel, steile Hänge, enge Rinnen und exponierte Scharten versprechen anspruchsvolles Skigelände. Die Route musste daher nicht nur auf der Karte schlüssig aussehen, sondern auch unter den zu erwartenden Frühjahrsbedingungen funktionieren. In diesem Gelände muss stets eine Einzelhangbeurteilung vor Ort passieren und diese kann bei einem negativen Ausgang dazu führen, dass die geplante Route abgebrochen werden muss und wir, statt im Ennstal, im Murtal rauskommen. Daher habe ich nicht nur eine Route A sondern auch unzählige Alternativen geplant um im Gelände schnell eine gute Entscheidung treffen zu können. Neben analogen Karten und Fotos aus dem Gebiet, waren es digitale Karten und 3D Planungstools, die eine adäquate Planung ermöglichten. RealityMaps erweist sich hier mittlerweile als eines der besten Planungstools mit hochauflösenden 3D Sateliten Karten.
Unser Plan nahm im Sattental bei Aich im Ennstal seinen Anfang und sollte uns über den Hauptkamm bis nach Obertauern führen. Drei bis vier Nächte waren realistisch. Die erste Übernachtung war in einem kleinen, unbeheizten Winterraum oberhalb der Materialseilbahn der Preintalerhütte vorgesehen. Von dort sollte es über die Gollingscharte zur Landawirseehütte gehen, am dritten Tag weiter Richtung Ignaz-Matthis-Hütte und schließlich nach Obertauern.
Auf der Karte ergab das eine spannende Linie. Jetzt mussten Schnee, Wetter und Gelände zeigen, ob aus unserer Idee tatsächlich eine durchführbare Skidurchquerung werden konnte.
Die Tage und auch die eine oder andere Nacht vor einer solchen Unternehmung sind meist geprägt von Überlegungen hinsichtlich der Wetterprognosen, Lawinengefahr und Auswirkungen auf die geplante Route. Und diesmal war es nicht anders, denn zwei Tage vor unserem Start sollte eine Kaltfront durchziehen und doch eine beachtliche Menge an Neuschnee bringen. Die Tage danach versprechen dann aber ideales Bergwetter.
Tag 1 – Ein letzter kräftiger Gruß des Winters
„Habe ich wirklich alles eingepackt? Wo ist das zweite Feuerzeug für den Kocher noch schnell? Mist – der Wetterbericht hat sich über Nacht verschlechtert … Hoffentlich haben wir zumindest etwas Sicht.“
Dann ging es los. Das zweite Auto wurde beim Bahnhof abgestellt, anschließend ging es mit dem anderen Auto weiter ins Sattental. Beim Bauern noch schnell geklärt, ob wir hier für ein paar Tage parken dürfen – und schon war der Rucksack auf dem Rücken.
Das Wetter zeigte sich leider von seiner trüben und feuchten Seite. Zumindest mussten wir die Ski nicht weit tragen: Der Neuschnee der vergangenen Tage hatte die Forststraße gerade ausreichend bedeckt, sodass wir gut vorankamen.
Die erste Schlüsselstelle des Tages war bald in Sichtweite: eine sehr steile Querung in den Kessel beim Stierkarsee. Der Schneedeckenaufbau erwies sich als recht stabil, die Neuschneeauflage war nicht sehr mächtig. Damit konnten wir in die karge, tief winterliche Landschaft jenseits der Baumgrenze eintauchen – und sollten diese erst in Obertauern wieder verlassen.
Leider bedeutet das auch: Bei Nebel gibt es hier kaum Anhaltspunkte. Die Orientierung wurde zur eigentlichen Herausforderung des Tages. Über mehrere Stunden versuchte ich, unsere Route mit Karte und Kompass sowie gelegentlichen Blicken auf die 3D-Karte mit Hangneigungslayer am Handy zu finden und gleichzeitig die sicherste Spur anzulegen. Dabei galt es immer wieder, Karte, Gelände und die aktuellen Verhältnisse miteinander abzugleichen.
Stromsparen war oberstes Gebot. Eines war nämlich sicher: Die nächste Steckdose würde es erst wieder in Obertauern geben. Unsere einzige Stromquelle war jeweils eine Powerbank.
Schnell wurde auch klar, dass die Hochwildstelle an diesem Tag kein adäquates Ziel mehr war. Also begnügten wir uns mit der Trattenscharte und machten uns auf die Suche nach lockerem Pulverschnee und der besten Abfahrtslinie zur Preintalerhütte.
Kurz vor der Preintaler-Hütte wurde es dann doch noch einmal spannend. Die nette Rinne über die letzte Kante endete in einem kurzen, flachen Eisfall. Das Seil (30m Petzl Radline) war damit bereits am ersten Tag gefragt.
Die Freude über den kleinen und minimalistischen Winterraum war groß und einer erholsamen Nacht stand nichts mehr im Weg.
Tag 2 – Die Königsetappe
Nach einer kalten Nacht stand die Königsetappe am Programm: rund 2.000 Höhenmeter, eine Abfahrt durch eine atemberaubende Rinne und ein Wettrennen gegen die tageszeitliche Erwärmung. Daher starteten wir bereits vor Sonnenaufgang und genossen die völlige Einsamkeit und Ruhe – und das Privileg, unsere eigene Spur in die unberührte Landschaft zu ziehen.
Die ersten Sonnenstrahlen waren eine Wohltat. Die Nacht war doch sehr kalt, die Skischuhe waren halb gefroren und die Zehen wollten nur recht zaghaft auf Betriebstemperatur kommen.
Nach einer kurzen Tragepassage erreichten wir am frühen Vormittag den Gipfel des Greifenbergs und wurden von einem unglaublichen Panorama in Empfang genommen.
Direkt gegenüber begrenzte der Hochgolling mit seiner mächtigen, von Eisfällen durchzogenen Nordwand das Tal. Gleichzeitig konnten wir einen ersten Blick auf unseren weiteren Weg werfen: Auf der gegenüberliegenden Talseite lag der Hang unterhalb der Gollingscharte, den wir nach der Abfahrt noch bewältigen mussten.
Mächtig trohnt der Hochgolling mit seiner eisdurchzogenen Nordwand am Ende des Tales!
Doch zuerst wartete die geplante Abfahrt auf uns. Sie sollte durch eine steile, gut geschützte westseitige Rinne direkt in den Talschluss führen. Der Einstieg verlangte nochmals den Einsatz des Seils. Eine genaue Beurteilung von Gelände, Exposition und Schneedecke bestätigte schließlich unsere Einschätzung: Die Abfahrt würden wir so schnell nicht vergessen. 700 Höhenmeter Pulver – zunächst in einer weiten, sanften Rinne, die sich zunehmend verengte und schließlich konstant 35 bis 40 Grad steil wurde. Dazu ungebundener, kalter Pulverschnee. Besser konnte es kaum sein.
Die überschwängliche Freude über die Abfahrt wurde allerdings schon bald gebremst. Die Temperaturen stiegen und der sonnexponierte Hang hinauf zur Gollingscharte begann deutlich aufzuweichen. Jetzt hieß es Zähne zusammenbeißen und den schweren Rucksack Schritt für Schritt nach oben zu bringen.
Was für ein Tag in den Bergen!
Trotz einer zusätzlichen Imprägnierung der Felle im Vorfeld und nochmals vor Ort wurde der Anstieg durch starkes Anstollen unnötig erschwert. Oben angekommen, wurden wir jedoch abermals mit einer tollen Fernsicht belohnt. Und auch die nächste Abfahrt hielt, was sie versprach: breite, unverspurte Hänge und Schnee, der in höheren schattigen Lagen noch kalt war wurde unten aber bereits deutlich wärmer und feucht. Das Frühjahr zeigte nun endgültig seine Kraft. Schnell noch Wasser am Bach auffüllen, dann ging es auf den letzten Höhenmetern zur wunderbar gelegenen Landawirseehütte – und zu ihrem bezaubernden Winterraum.
Tag 3 – Früher Start und ein Fragezeichen
Abermals läutete der Wecker lange vor Sonnenaufgang. Schneeschmelzen, Teekochen und Frühstücken, Rucksack wieder packen, noch schnell einmal durchkehren – und los ging’s.
Von der Hütte erreichten wir bei Sonnenaufgang die Trockenbrotscharte und starteten sogleich mit ein paar tollen Schwüngen in noch immer trockenem Pulver in den nordseitigen Hang.
Vorbei an der Keinprechthütte ging es mit zügigem Schritt weiter in Richtung Vetternspitze.
Hier erwartete uns die Crux des Tages.
Irgendwo an diesem Kamm mussten wir einen Übergang auf die Westseite finden, um unsere Durchquerung fortsetzen zu können. Die Sonne bereits im Nacken und abermals anstollende Ski machten die Entscheidungsfindung nicht gerade einfacher.
Schon bei der Planung hatte ich mir mithilfe verschiedener Bilder aus dem Internet und der genialen Laserscan-Karten des GIS Steiermark einige mögliche Varianten herausgesucht. Nun mussten diese Optionen im Gelände gefunden (dabei half die App von RealityMaps nochmals sehr) und überprüft werden - welche davon war tatsächlich machbar? Und vor allem: Welche war unter den aktuellen Bedingungen auch die sicherste?
FACTBOX
Tourenplanung & Karten
Analoge Karte: Liefert tollen ersten Überblick und dann auf Tour unverzichtbar.
Digitale Karten: Online gibt es mittlerweile ein vielfältiges und leistungsstarkes Angebot an Karten. Diese reichen von Laserscan Karten (GIS-Steiermark - Schummerung DGM) bis hin zu 3D Karten und Satelitenbildern wie bei RealityMaps.
Apps: Diese bieten die Möglichkeit, weitere Varianten mit dem Hangneigungslayer zu erkunden. oder auch einfach den aktuellen Standort genau zu bestimmen.
ACHTUNG: Unsere Mobiltelefone sind neben Navigationstool, Kamera & MP3 Player meist auch noch unsere einzige Notfallkommunikation. Diese Funktion muss stets Priorität haben und beim Akkumanagement berücksichtigt werden!
Entscheidend waren dabei die fortgeschrittene Tageszeit, die zunehmende Erwärmung und natürlich das Gelände auf der Westseite des Kammes. Aufgrund der in den Karten angedeuteten Rinnenform auf der Rückseite fiel meine Wahl schließlich auf eine Scharte südlich der Holzscharte zwischen Vetternspitze und Zinkwand.
Meine Hoffnung: einen nicht senkrechten und mit dem Seil absicherbaren Abstieg auf die andere Seite zu finden. Der Plan ging auf. Mittels Seilsicherung konnte ich meinen Gast sicher auf die Westseite des Kammes bringen.
Damit war der schwierigste Teil geschafft. Von nun an sollte uns überwiegend sanfteres Gelände weiter Richtung Obertauern führen. Auf der Rückseite der Vetternspitze konnten wir dank der geringen Luftfeuchtigkeit und der nordseitigen Exposition sogar noch einige genüssliche Schwünge im Pulver genießen – eine willkommene Belohnung für die Strapazen des Tages.
Anschließend ging es direkt weiter zur voll ausgestatteten Winterhütte der Ignaz-Matthis-Hütte. Dort konnten wir uns für den letzten Tag erholen.
Tag 4 – Der krönende Abschluss
Einige werden es bereits erahnen: Auch am letzten Tag ging es wieder vor Sonnenaufgang los. Schließlich wollten wir zum Abschluss noch den mächtigen Südosthang der Steirischen Kalkspitze in idealen Firnverhältnissen erwischen.
Der Anstieg führte uns vorbei an den Giglachseen und über eine landschaftlich reizvolle Kuppe. Die aufgehende Sonne im Rücken, ging es dem Gipfel des Tages entgegen.
Punktlandung.
Nach einer kurzen Pause und einem kleinen Snack schnallten wir die Ski an und schmierten den Hang hinunter, so weit es die Bedingungen zuließen. Den dadurch notwendigen Gegenanstieg nahmen wir für diese Schwünge gerne in Kauf.
Über schön kuppiertes Skigelände ging es weiter westwärts. Schließlich trennte uns nur noch ein letzter Aufstieg von der Zivilisation – und damit auch vom Trubel des Skigebiets.
Mit Bus, Zug und Taxi ging es anschließend zurück ins Ennstal und zu unserem Ausgangspunkt.
Vier Tage Einsamkeit, erarbeitet mit eigener Körperkraft und geprägt von herausfordernden Entscheidungen – belohnt mit unvergesslichen Augenblicken, großartigen Abfahrten und dem Gefühl, eine anspruchsvolle Linie durch die heimischen Berge tatsächlich geschafft zu haben.
Was für ein Abenteuer in den Schladminger Tauern!
Dein nächstes Abenteuer beginnt im Schnee.
Raus aus dem Alltag, rein in die winterliche Bergwelt! Verschneite Gipfel, unberührte Hänge und gemeinsame Erlebnisse machen jede Skitour zu etwas Besonderem.
Ob individuelle Skitourenabenteuer, ein Skitourenwochenende in der beeindruckenden Silvretta – bequem und umweltfreundlich mit dem Zug erreichbar – oder ein Skitourenkurs für deine ersten Schritte im freien Gelände: Bei uns findest du das passende Abenteuer. Dabei geht es nicht nur um unvergessliche Momente am Berg, sondern auch darum, Neues zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und Schritt für Schritt sicherer und selbstständiger unterwegs zu sein.
Die nächsten Winterabenteuer sind bereits in Planung!
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Vielleicht beginnt DEIN nächstes großes Abenteuer ja schon diesen Winter mit UNS. Wir sehen uns im Schnee!
Fotocredits
Fotos: Philipp Leodolter